Der lange Weg nach Theth

Mit dem Kastenwagen die Südroute nach Theth

Abseits der Strasse: Auf der Südroute nach Theth, Albanien

Die sagenumwobene Südroute nach Theth

Unsere erste große Tour mit dem Campervan ging nach Albanien, das stand schon Monate bevor wir unseren Campervan beim Händler abgeholt haben für uns fest. Irgendwas hat uns dahingezogen, die vielen Geschichten über die unberührte Natur, die abgelegenen Bergdörfchen und das geduldete Freistehen in Albanien. Bei meinen Recherchen bin ich auf das Dorf Theth in den Albanischen Alpen gestoßen, dass malerisch in einem Tal mitten in den Bergen liegen soll, und eine abenteuerliche Offroad-Strecke bereithält – die sagenumwobene Südroute – nicht asphaltiert, über Schotter, an einem Canyon entlang und über eine Passstraße.

Das unser Campervan ein normaler Fiat Ducato ist und kein 4×4 Sprinter, war mir durchaus bewusst. Also habe ich recherchiert, ob das für uns überhaupt machbar ist, bin aber kaum auf Blog-Beiträge gestoßen, die irgendwas zur Strecke und zur Beschaffenheit der Schotterstraße berichtet haben. Auch im großen Social Media-Netzwerk gab es kaum Infos, aber letztendlich habe ich einen Instagram-Account gefunden, die mit ihrem 2×4 VW Bus die Südroute gefahren sind, und habe die beiden angeschrieben. Ich bekam die Info: Kein Problem, wenn man ein sicherer Fahrer ist und es nicht regnet oder so. – Super, die Südroute nach Theth war sofort in den Albanien Roadtrip eingeplant!

Was mir zu dem Zeitpunkt noch nicht klar war, war, wie blöd diese Idee eigentlich war.

Start in Shkodra

Die Südroute nach Theth startet in Shkodra, wenn man von Shkodra Richtung Nordosten aufbricht findet man die Straße als weiße Straße mit vielen Serpentinen bei Google Maps eingezeichnet. Wir wussten, dass die Strecke etwa 45 km lang ist und die beiden, die ich zuvor bei Instagram angeschrieben hatte, etwa 7 Stunden gebraucht haben. Also sind wir zeitig morgens um 09:00 aus Shkodra aufgebrochen.

Die Südroute nach Theth

Auf diesem Roadtrip hat uns meine Schwester Johanna begleitet, die wir zuvor in Montenegro in Podgorica am Flughafen abgeholt haben. Voller Abenteuerlust hat sie gleich gesagt, nach Albanien komme ich mit!

Es läuft fröhliche albanische Musik im Radio, wir alle sind voller Elan und Aufregung über das Abenteuer, dass da kommen wird. Die Strecke, noch asphaltiert, schlängelt sich anfangs noch an einem Canyon vorbei, dann durch ein Dorf. Vor uns tatsächlich noch ein Kastenwagen, ein älterer blauer Pössl. Nach ca. 30 Minuten endet die Asphalt-Straße, der Pössl kehrt um, ihm sind wir nicht mehr begegnet.

Wie aufregend: Die erste richtige lange Schotterpiste! Wir kommen nur noch langsam voran, die Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt um die 8 km/h. Aber das Wetter ist fantastisch, die gute Laune hält an. Vorerst.

Irgendwann kommt die erste Steigung, die für den frontangetriebenen Ducato eigentlich zu steil ist. Die Reifen drehen durch. Aber wir wollen ja was erleben, also ein Stückchen rückwärts rollen lassen, Reifen anders drehen, und nochmal versuchen. Durch das offene Fenster riecht man das abgeriebene Gummi. Aber weiter geht’s.

So schlängeln wir uns einige Stunden durch’s Gebirge. Anfangs kommen wir noch an ein paar kleinen Dörfern vorbei, in einem Dorf springt sogar ein kleiner Junge hinten an unsern Camper und fährt für ein Stückchen mit. Die Blicke der Einheimischen werden immer ungläubiger, je weiter wir fahren. Der Gegenverkehr, anfangs noch kleine Pritschen oder kleinere LKWs mit Arbeitern, verschwinden irgendwann und werden durch ältere kleine Geländewagen ersetzt. Wir fahren weiter durch die Albanischen Alpen.

Über die Passstraße weiter Richtung Theth

Irgendwann kommen wir zur Passstraße, auf die man uns bereits hingewiesen hatte. Die Aussicht ist atemberaubend, weit und breit Berge, Täler, Wiesen und Wälder, keine Zivilisation mehr. Es ist die wohl schönste Aussicht, die wir überhaupt je in Erinnerung behalten haben. Die Serpentinen der Passstraße sind super eng, eine Leitplanke gibt es nicht und am Wegesrand sind alle paar Meter Kreuze aufgestellt. Langsam macht sich ein mulmiges Gefühl bei uns breit, das sich auch bestätigt, als wir in den Serpentinen feststellen, dass der 6,40 m Kastenwagen viel zu lang dafür ist. Die Kurve muss haargenau genommen werden, und für einen Moment ragt das Heck des Kastens wirklich über den Abgrund hinaus. Ich nehme mir vor, den Rest des Weges nicht mehr in den Rückspiegel zu schauen.

Der Mittag verstreicht und geht in den Nachmittag über, die Passstraße ist noch immer nicht erklommen. Für jede Kurve sind mehrere Anläufe nötig, ob wir überhaupt noch Reifenprofil übrig haben, weiß keiner. Wir fragen uns, ob das alles so eine gute Idee war. Aber umdrehen will auch keiner, weil zurück fahren genau so schwierig werden wird, wie vermutlich weiter.

Doch Schlimmer als der Schotter und die Serpentinen werden irgendwann die Spurrillen, die sind teilweise so tief gefahren, dass wir immer wieder aufsetzen. Man hört jedes Mal, wie das Auspuffrohr über den Boden schabt und die Trittstufe einen lauten Knack macht. Sebastian steigt ab und zu aus um zu schauen, ob alles in Ordnung ist, die Trittstufe hat eine Beule, aber sie funktioniert noch.

In den Weg ragen die Äste teilweise sehr weit rein, zum Freischneiden kommt hier keiner vorbei. Alle paar Meter höre ich, wie ein Ast über den Lack kratzt und unser niegelnagelneuer Campervan, gerade Mal 3 Monate alt, weiter zerkratzt. Wenn ich mich nach hinten umdrehe, sehe ich die Kratzer auf den Fenstern an beiden Seiten im Wohnraum, wie sie sich im Licht der Sonne spiegeln. Was ein Anblick. Ich wollte doch ein Offroad-Abenteuer erleben – stattdessen sitze ich nur noch in den Türgriff gekrallt im Auto.

Als es den Pass wieder runter geht, fließt in einigen Kurven Wasser über den Weg. Teilweise recht viel, so dass es für den Camper auch recht tief wird. Zu diesem Zeitpunkt ist unser Camper noch nicht höher gelegt. Johanna steigt aus und läuft mit nackten Füßen einmal durch den Bachlauf, damit Sebastian abschätzen kann, ob das okay ist. Ich denke laut Das ist viel zu tief! Aber Sebastian sagt nur, Mach die Augen zu, und tritt aufs Gaspedal. Wenigstens wurde der Camper so nochmal von unten von all dem Staub befreit.

Von Einheimischen abgefangen

Als der Mittag in den Nachmittag über geht und das Navi immer noch fast 15 km anzeigt, wird uns langsam klar, dass wir Theth wohl heute nicht mehr erreichen werden. Über den Albanischen Alpen geht langsam die Sonne unter, und ich kann endlich wieder kurz lächeln, da der Anblick der leuchtend roten Berge einfach atemberaubend ist. Wir überlegen, irgendwo anzuhalten.

Stattdessen springt nach der nächsten Kurve ein Einheimischer vor unseren Bus und winkt. Er sagt, er hat uns schon von weitem gesehen und ob wir die Nacht bei ihm auf dem Grundstück verbringen wollen. Anfangs sind wir skeptisch, schließlich sind wir mitten im Nirgendwo und er ein Fremder. Wir stimmen trotzdem zu, er stellt sich als Oliver vor und bevor wir uns vorstellen können, schmeißt er sich auch schon auf den Boden, robbt unter den Bus und schaut, ob alles okay ist. Mit Daumen hoch kommt Oliver wieder raus und fragt, was das für ein Modell wäre. Als wir ihm sagen, es ist ein Fiat Ducato, lacht er, er hat noch nie einen Fiat Ducato auf der Südroute gesehen. Später zeigt er uns auf seinem Smartphone, dass schon öfter Vanlifer bei ihm übernachtet haben. Alle Bilder zeigen 4×4 Sprinter oder Geländewagen mit Wohnkabine oder Dachzelt – wir fragen uns, wie wir es zum Teufel überhaupt bis hier geschafft haben.

Wir lassen den Bus unten auf einer großen Wiese stehen und gehen mit Oliver ein Stück bergauf zu seinem Haus. Das Haus ist groß, aber einfach, aus Stein und Holz. Die Aussicht ist einfach fantastisch und ich denke mir, wenn ich mit dieser Aussicht jeden Tag aufwachen könnte, würde ich auch so ein abgeschiedenes und einfaches Leben in Kauf nehmen.

Wir bekommen ein traditionelles albanisches Abendessen, und noch heute reden wir darüber, da es uns als eines der besten Essen überhaupt in Erinnerung geblieben ist. Oliver’s Tochter zeigt uns stolz den Gemüsegarten, denn da kommt unser Abendessen her. Raki gibt es auch. Meine Schwester geht sogar so weit, dass sie das freundliche Angebot von Oliver annimmt, und im Haus übernachtet. Wir schauen uns gemeinsam das Zimmer an, alles ist aus Holz, das Zimmer hat einen Kamin und das Bett sieht, bestückt mit mehreren Wolldecken, einfach urgemütlich aus.

Wir fragen, wie die restliche Beschaffenheit des Weges ist, bis wir Theth erreichen. Alle müssen lachen, aber sind gemeinsam der Meinung, wenn wir es bis hierher geschafft haben, schaffen wir auch den Rest. Schlimmer wird es auf jeden Fall nicht werden.

Als ich im Bett liege, habe ich immer noch das Gefühl, wie der Van über die Spurrillen und Bodenwölbungen von links nach rechts schaukelt.

Die restlichen Kilometer voller Kopfschütteln

Morgens machen wir uns noch ein letztes Mal auf den Anstieg hoch zu Oliver’s Grundstück und essen ein wahnsinnig gutes albanisches Frühstück. Wir saugen ein letztes Mal diesen fantastischen Ausblick über die Berge und den Canyon auf. Dann geht’s zurück in den Van, Sebastian wie immer mit Birkenstock Latschen und Kaffee, ich mit zitrigen Händen und der Frage, ob der Camper auf den letzten Kilometern noch ganz zu Schrott gefahren wird.

Es geht etwa eine Stunde lang bergab, bis wir auf den ersten Gegenverkehr stoßen. Ein Nissan Pathfinder mit tschechischem Kennzeichen, volle Hütte Allrad. Der Fahrer steigt aus, lacht, steigt ein und fährt einfach rückwärts mit seinem Geländewagen den Steilhang hoch, so dass wir passieren können. Wir fragen uns zum vermutlich hundertsten Mal, ob wir wohl einfach das falsche Auto gekauft haben.

Die restlichen Kilometer geht es durch den Canyon, der Schotter wird durch Geröll ersetzt und wir verlieren die restlichen paar Zentimeter Reifenprofil, die wir noch haben. Neben uns schlängelt sich der Fluss Shales dahin und der Verkehr nimmt für die Verhältnisse hier langsam zu. Der erste dem wir begegnen ist ein VW Bus mit Allrad, er fragt uns, wie der Weg zurück nach Shkodra ist, wir erklären. Dann schaut er erstmals genauer auf unser Auto, schüttelt den Kopf, fährt weiter.

Der nächste ist ein älterer roter Sprinter, ebenfalls mit Allrad. Die beiden sind in unserem Alter und gut gelaunt, wir unterhalten uns, beschreiben den Weg genau. Der Fahrer schaut auf unseren Kastenwagen und begutachtet die Kratzer in den Fenstern Ach was solls, das sind authentische Kratzer die eine Geschichte erzählen. Wo er recht hat.

Wir setzen den Weg fort und uns begegnen die ersten Jeeps, randvoll mit Touristen. Irgendwann erscheinen die ersten Häuser in der Ferne und Erleichterung macht sich breit. Irgendwie erwarte ich, dass ein Konfettiregen auf uns herab regnet, als wir Theth über die Südroute mit einem Ducato ohne Allrad, ohne Höherlegung und mit den Standard Michelin Reifen erreichen.

Wir finden ein Gästehaus, in dessen Garten mehrere Camper jeglicher Art parken. Vom Kastenwagen über den VW Bus bis hin zum Expeditionsmobil. Letzteres hat sogar noch einen Anhänger dabei, der als Auto Werkstatt umgebaut ist. Das erinnert uns daran, unseren Camper auch mal unter die Lupe zu nehmen. Wir stellen fest, dass der Auspuff und die Anhängerkupplung leicht zerkratzt sind. Von den Seitenfenstern und den schwarzen Anbauteilen vom Ducato gar nicht zu sprechen.

Als ich einsteigen will, um mir darauf erstmal einen Kurzen mit Raki zu besorgen, stelle ich fest, dass die Trittstufe nicht mehr ausfährt. Die ist so zerbeult, dass die Stufe einfach nicht mehr rauskommt. Heute, 1,5 Jahre nach meinem fantastischen Offroad Abenteuer, haben wir immer noch keine neue.

Als wir Tage später wieder Richtung Shkodra aufbrechen, nehmen wir die Nordroute, die ist seit einer Weile fertig und asphaltiert. Dafür ist die Aussicht dort nicht mal annähernd so schön.

4 Antworten

  1. Hallo! Wir sind auch in 2 Wochen in Albanien.
    Wann seid ihr die Straße nach Theth von Skodra gefahren?
    Es heißt, dass es inzwischen alles asphaltiert ist.
    Danke für die Info
    Lg
    Thomas

    1. Hallo Thomas! 🙂
      Wir sind im September 2021 die Süd-Route nach Theth gefahren, die ist nach wie vor sehr weit abgelegen und offorad, aber atemberaubend schön! Wichtig ist nur, der passende fahrbare Untersatz.

      Die Nord-Route nach Theth durch das Tal (bei Google Maps gelbe Straße mit Bezeichnung SH21) ist damals gerade fertig geworden, wir haben sie auf dem Rückweg genommen. Die ist komplett asphaltiert und wird auch von Reisebussen befahren, da kommt jedes Fahrzeug hoch und runter.
      Nur am besten aus Shkodra vollgetankt losfahren, da es in Theth keine Tankstelle gibt, und der Weg doch weit ist und es am Ende über den Pass sehr weit hoch und wieder runter geht.

      Habt eine gute Zeit in Albanien, es ist ein wundervolles Land! Wir fahren im September auch wieder Richtung Süd-Balkan, wir lieben es da! 🙂

      LG, Anneke

    2. Hallo Thomas,
      Warst du bisher da und kannst berichten, wie die Nordroute ist?

      Danke für eine kurze Rückmeldung.
      @Anneke, danke für den ausführlichen Bericht ☺️VG

      1. Hallo Larissa,
        Wir sind die asphaltierte Nordroute auf dem Rückweg gefahren. Haben ca. 4 Stunden gebraucht, aber auch ein paar Stops für Fotos gemacht.
        Der Anfang über den Pass ist rauf und runter nur Serpentinen. Viele haben gesagt, dass Ihnen schlecht wurde, meiner Schwester auch, die hinten saß. Also besser langsam fahren, auch, weil euch große Touri-Reisebusse entgegen kommen.
        Aber insgesamt für jedes Auto geeignet, da die Straße asphaltiert ist und noch recht neu. Leitplanken gibt es auch überall.
        Das letzte Stück (von Theth kommend, kurz vor Shkodra), durchs Tal war wirklich toll, tolle Landschaft und durch ein paar ursprüngliche Dörfer.

        Liebe Grüße & tolle Zeit in Albanien ☺️
        Anneke & Sebastian

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert