Wintercamping ohne Winterpaket

Geht das wirklich? Unsere Erfahrungen aus Schweden

Wintercamping mit dem Campervan klingt für viele nach Spezialausbau, beheizten Tanks, doppeltem Boden und jeder Menge Technik. Genau deshalb haben wir in den letzten Tagen unfassbar viele Nachrichten bekommen. Ob wir ein Winterpaket vom Ausbauer haben, wie wir bei Minusgraden klarkommen und ob bei uns nicht längst alles eingefroren ist.

Die kurze Antwort lautet: Nein, wir haben kein klassisches Winterpaket. Kein beheizter Abwassertank, kein High-End-Winterausbau. Und trotzdem sind wir seit über zehn Tagen im winterlichen Schweden unterwegs, waren eingeschneit und haben mehrere Nächte bei bis zu minus 16 Grad verbracht. Und ja, es funktioniert.

Unser Van und die Ausgangslage

Unser Camper ist über die Jahre gewachsen. Wir haben immer wieder selbst umgebaut, ergänzt und optimiert, aber nie gezielt mit dem Fokus „Winterpaket“. Vieles ist eher aus der Praxis entstanden, weil wir gemerkt haben, was uns unterwegs fehlt oder wo es noch Potenzial gibt. Genau deshalb können wir heute ziemlich ehrlich sagen, was wirklich wichtig ist – und was man nicht zwingend braucht.

Dämmung – unterschätzt, aber entscheidend

Die Dämmung ist aus unserer Sicht einer der wichtigsten Punkte, wenn man im Winter unterwegs sein möchte. Wir haben zwar keinen komplett neu gedämmten Van, aber über die Jahre immer wieder nachgebessert. Immer dort, wo wir Verkleidungen abgenommen haben und noch Platz war oder Stellen entdeckt haben, die nur schlecht isoliert waren, haben wir Armaflex ergänzt.

Gerade kleine Flächen machen am Ende einen großen Unterschied. Türen, Holme, Übergänge oder schwer zugängliche Ecken verlieren sonst unnötig Wärme. Eine gute Dämmung sorgt nicht nur dafür, dass es innen wärmer bleibt (oder im Sommer kühler!), sondern reduziert auch Kondenswasser und den Heizbedarf enorm.

Heizen bei Minusgraden

Lange Zeit waren wir ausschließlich mit einer klassischen Gasheizung unterwegs. Und ja, diese Heizungen schaffen auch Temperaturen bis etwa minus 20 Grad. Der Haken dabei ist der Gasverbrauch, der bei Dauerbetrieb natürlich deutlich steigt.

Mittlerweile haben wir zusätzlich eine Dieselheizung nachgerüstet – die Eberspächer Airtronic mit 2 kW Leistung. Der Hauptgrund dafür waren allerdings unsere Langzeitreisepläne für nächstes Jahr und die schlechte Verfügbarkeit von LPG in vielen Teilen Asiens. Für den Winter in Schweden war sie aber ein echter Vorteil. Bei konstanten Minusgraden haben wir die Heizung durchgehend laufen lassen, Tag und Nacht. Ergebnis: Weder der Wassertank noch Leitungen oder Pumpe sind eingefroren.

Wichtig dabei ist, die Heizung nicht ständig an- und auszuschalten. Gleichmäßige Wärme ist im Winter deutlich effektiver als ständiges Aufheizen. Das heißt, als wir losgefahren sind, haben wir die Heizung eingeschaltet, und erst nach der Abreise wieder ausgeschaltet – sie lief die ganze Zeit durch!

Wasser und Abwasser ohne beheizten Tank

Ein Punkt, der viele abschreckt, ist das Thema Abwasser. Wir haben keinen beheizten Abwassertank, und ja, der Tank wird bei diesen Temperaturen mit Sicherheit zwischendurch eingefroren sein. Das war uns bewusst und hat erstaunlich wenig Probleme gemacht.

Unsere Erfahrung: Wenn man morgens und abends mit heißem Wasser spült, taut vieles wieder auf. Zusätzlich hilft es, den Abwassertank nicht komplett voll werden zu lassen. Wer ganz auf Nummer sicher gehen will, kann im Winter auch zeitweise mit Kanistern arbeiten oder den Tank offen lassen und einen Eimer unterstellen, sofern es die Situation erlaubt.

Feuchtigkeit und Kondenswasser im Winter

Ein Thema, das man beim Wintercamping nicht unterschätzen sollte, ist Feuchtigkeit. Trotz Heizen waren bei uns vor allem die Frontscheiben und teilweise auch die Kunststofffenster morgens von innen gefroren. Das sieht dramatischer aus, als es ist, gehört aber einfach dazu. Besser sind in dem Fall definitiv Thermomatten, die von außen – statt von innen – aufgelegt werden!

Unsere Routine sah so aus:

  • morgens etwa fünf Minuten stoßlüften, egal wie kalt es ist
  • überschüssiges Wasser an den Scheiben mit einem Fenstersauger entfernen
  • danach weiter aufheizen

Diese paar Minuten Kälte lohnen sich, denn trockene Luft lässt sich deutlich besser und effizienter erwärmen als feuchte.

Reifen, Traktion und Schneeketten

Auch das Thema Reifen sorgt immer wieder für Diskussionen. Wir sind mit AT-Reifen (Loder AT1 in 18 Zoll) unterwegs und haben entgegen vieler Meinungen extrem gute Erfahrungen gemacht – auf Schnee, Eis und matschigen Wegen. Gerade die AT-Reifen haben sich für uns als sehr zuverlässig erwiesen und in Tests deutlich besser abgeschnitten als ihr Ruf vermuten lässt!

Schneeketten hatten wir trotzdem dabei und mussten sie genau einmal nutzen, bei einer steilen, vereisten Auffahrt. Und genau so sehen wir das auch: Gute Reifen sind die Basis, Schneeketten die Absicherung für den Ernstfall.

Was wir aus dieser Reise gelernt haben

Mittlerweile fragen wir uns ernsthaft, warum wir uns Wintercamping nicht schon früher zugetraut haben. Vieles, was man glaubt zu brauchen, ist in der Praxis gar nicht zwingend notwendig. Viel wichtiger sind Vorbereitung, ein gewisses Verständnis für den eigenen Van und die Bereitschaft, sich auf winterliche Bedingungen einzulassen.

Wintercamping ohne klassisches Winterpaket funktioniert, wenn man:

  • eine solide Dämmung hat oder zumindest nachbessert
  • die Heizung sinnvoll und konstant nutzt
  • mit Wasser und Feuchtigkeit bewusst umgeht
  • realistisch einschätzt, was der eigene Van kann

Es braucht kein perfektes Setup, sondern Erfahrung, Aufmerksamkeit und ein bisschen Mut. Und genau der wird am Ende mit unglaublich ruhigen Stellplätzen, verschneiten Landschaften und einer ganz besonderen Stimmung belohnt.

💡 Unser Tipp: Fahr einfach mal los! Es muss nicht direkt Skandinavien bei -20 Grad sein. Es kann auch z. B. Polen, Tschechien oder in Deutschland die Eifel oder die Alpen sein. Einfach mal testen, denn ohne testen wirst du die Schwachstellen an deinem Van nicht herausfinden. Danach kannst du optimieren und dich auch mal den eisigen Norden trauen!

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